Grundgedanken zum Karma - Namaste

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Grundgedanken zum Karma

Karma
Auch die westliche Wissenschaft kennt das Prinzip der Kausalität aller Aktionen und Ereignisse im Universum, wonach es für jede Erscheinung in dieser Welt, eine korrespondierende Ursache gibt. Der Veda beschreibt seinerseits ein Gesetz von Ursache und Wirkung, welches die Wirkung an die Ursache knüpft und zwar sowohl auf der grob- wie auch feinstofflichen Ebene unserer weltlichen Existenz: das Gesetz des Karma.

Im strengen Sinn der Worterklärung bedeutet der Begriff Karma: Handlung.
In den verschiedenen Erklärungen von Guru (Lehrer), Sadhu (Heiligen) und Shastra (heiligen Texten) wird dieser Begriff noch weiter ausgeführt. Über den rein wörtlichen Gehalt hinaus, schliesst der Beriff Karma auch die Folgen des Tuns ein. Dabei erzeugen die Handlungen nicht nur Wirkungen, welche die Umwelt beeinflussen, sondern wirken auch auf den Handelnden selbst zurück. Als Grundeinsicht der meisten vedischen Karmalehren gilt daher das Verständnis:
"Des Menschen Wesen, seine Natur und seine Lebensumstände sind das Ergebnis seiner eigenen inneren und äusseren Betätigungen, nicht etwas Zufälliges und Unerklärliches. Er ist das, wozu er sich selbst gemacht hat. Jeder Mensch erntet, was er sät. Von dem, was er tut, hat seinen Vorteil; für das, was er tut, leidet er." (Die Idee der Reinkarnation in Ost und West, Diederichs 1996, S. 66).

Damit verliert der Zufall seine Grundlage und erhält stattdessen eine sehr wörtliche Bedeutung: etwas, was einem aufgrund des eigenen vergangenen Tuns zu-fällt.

Seit unvordenklicher Zeit handelt das Lebewesen in der materiellen Welt und geniesst oder erleidet die Reaktionen auf seine Handlungen. Es sind seine Handlungen, die zu einer Wanderung von einem materiellen Körper zum anderen führen.

Da niemand nur gut oder nur schlecht handelt, sind auch die auf den Verursacher zurückfallenden Wirkungen in unterschiedliche Verhältnisse von Genuss und Leid aufgeteilt. Dies wird dann oft als sogenanntes gutes oder schlechtes Karma oder einfach nur als karmische Reaktionen bezeichnet.

Grundsätzlich unterscheidet der Veda drei Arten von Handlungen: Karma, Vikarma und Akarma.
Karma ist das Tun, das angenehme Wirkungen erzeugt.
Vikarma bezieht sich auf Handlungen, deren Wirkungen als Leid erfahren werden.

Der Karma-Kandha Teil der Veden unterscheidet diese zwei Arten der Handlungen entsprechend den in den Veden zu findenden moralischen und ethischen Richtlinien als glückbringende und leidbringende Tätigkeiten. Doch beide dieser Kategorien des Tuns werden als Knechtschaft bezeichnet, da sie Bindung an den Kreislauf der Wiedergeburt erzeugen (karma-bandhana).

Die dritte Art von Handlungen wird Akarma (Nicht-Handeln) genannt. Das heisst, sie erzeugen weder angenehme, noch leidvolle Wirkungen, sondern verursachen durch ihren Bezug zu der dieser irdischen Welt zugrundeliegenden göttlichen Welt, keine Bindung an diese Welt. Grundsätzlich ist damit alles Tun gemeint, das in Gott gründet.

Das Lebewesen kann nicht einfach dadurch vom Karma frei werden, dass es sich von Tätigkeit fernhält. Im Gegenteil: Der Veda beschreibt die Eigenschaft der Seele als ewig und unverrückbar aktiv. Freiheit von der grossen Kette des Karma kommt durch Wissen. "So wie das lodernde Feuer Brennholz zu Asche verwandelt, o Arjuna, so verbrennt das Feuer des Wissens alle Reaktionen auf materielle Tätigkeiten (sarva-karmani) zu Asche."

Tun, das in diesem Wissen gründet, beschreibt die Bhagavad-gita wie folgt:
"Jemand, der nicht motiviert ist, die Früchte seiner Handlungen zu geniessen, befreit sich schon in diesem Leben von guten (karma) und schlechten Taten (vikarma). Beschäftige dich deshalb auf dem Pfad des selbstlosen Handelns, denn solches Buddhi-yoga, die Ausgeglichenheit im selbstlosen Handeln, ist bestimmt die wahre Kunst des Handelns." (2.50)

In einem ersten Schritt bezieht sich selbstloses Tun oder im Wissen zu handeln, welches das Karma zu Asche verbrennt, darauf, dass das Lebewesen sich zumindest theoretisch seiner wesensgemässen Stellung als der ewige vollkommene Teil des vollkommenen Ganzen bewusst wird. Das Subjekt (Vollkommene Ganze) ist das Zentrum. Das Objekt (Lebewesen) steht immer in einer Abhängigkeit zu diesem Zentrum. Erkennt das verkörperte Lebewesen seine wesensgemässe Stellung und handelt in diesem Bewusstsein, kann es alles vergangene, gegenwärtige und zukünftige Karma transzendieren.


Wer sich mit dem Karma beschäftig, dem beginnen sich nach meiner Erfahrung viele Fragen bezüglich der Persönlichkeit und Entwicklung des individuellen Lebewesens aufzuwerfen.

Was ist mit der Kontinuität der Persönlichkeit gemeint, im Hinblick darauf, dass dieselbe Person verschiedene Verkörperungen durchlebt?

Kontinuität im Sinne der Persönlichkeit, gibt es nur auf der spirituellen Ebene, der Ebene des spirituellen Selbst (atma).

Wenn in der Karmalehre von der Kontinuität der Persönlickeit die Rede ist, geschieht dies im Hinblick auf den Vorgang der Entwicklung und des individuellen Wachstums des Lebewesens.

Das, was wir als Menschen als "unsere" Persönlichkeit wahrnehmen, ist lediglich eine zeitweilige mentale, vitale und physische Gestalt. Entsprechend dem Wunsch und Tun und den sich daraus ergebenden Wirkungen nimmt das ewige Lebewesen nicht nur verschiedene Körper, sondern auch entsprechend verschiedene Charakteren und Eigenschaften an. Dieser Wechsel der Persönlichkeit (das spirituelle Selbst bleibt dabei dasselbe) öffnet das grosse Feld der Erfahrungen. Seinem inneren Wunsch entsprechend, hat das Lebewesen einerseits die Möglichkeit, sich immer von Neuem auf Erfahrungen auszurichten, die ihm in all den verschiedenen Körper und Situationen wiederfahren. Oder es kann aufgrund derselben Erfahrungen feststellen, dass all die Wunscherfüllung es letztlich doch unerfüllt lassen und sich auf die Suche nach dem machen, was Grundlage für all diese verschiedenen Persönlichkeiten ist. Würde das Lebewesen immer als dieselbe Persönlichkeit geboren, mit denselben Charakteren, Interessen, inneren und äusseren Ausdrucksformen usw., könnte es in dieser endlosen Wiederholung nichts Neues hinzulernen, und käme auch der Erfüllung keinen Schritt näher.


Wenn alles vorherbestimmt ist, was einem im gegenwärtigen Leben geschieht, wo bleibt da noch Raum für die Eigenverantwortlichkeit?

Entsprechend dem vedischen Karmaverständis ist lediglich das Ausmass des Genusses und des Leides vorherbestimmt. Die individuelle Freiheit, über sein Tun zu bestimmen, wird davon nicht berührt.

Wenn es heisst, man könne seinem Schicksal nicht entgehen, bedeutet dies beispielsweise, dass jemand zwar von heute auf morgen nach Australien auswandern kann, aber auch dort mit dem Ausmass an Genuss oder Freude konfrontiert wird, mit dem er sich auch zu Hause hätte auseinandersetzen müssen.

Es gibt daher keine Vorherbestimmung in absolutem Sinne. Vielmehr ist alles, was geschieht, eine Wechselwirkung von dem, was sich die Lebewesen:
einerseits in der Gegenwart wünschen (freier Wille)
in der Vergangenheit gewünscht haben (freier Wille)
was sie tun (freier Wille)
getan haben (freier Wille)
und den sich daraus ergebenden Wirkungen (karmische Reaktionen, Schicksal oder Bestimmung)

Das bedeutet, dass sich das Lebewesen aufgrund seiner vergangenen Wünsche und Handlungen in einer bestimmten Situation befindet, ob es ihm gefällt oder nicht. Gleichzeitig liegt es in seiner Hand, wie es mit dieser Situation umgeht. Dieses Umgehen in und mit der Situation wird wiederum Mitursache für neue zukünftige Lebenssituationen im Kreislauf der Wiedergeburt werden.

Ohne (Willens-)Freiheit kann es keine Eigenverantwortlichkeit geben. Daher ist der Wille und das Wünschen immer frei, ohne dass das Lebewesen dadurch allmächtig wäre. Es kann zwar jederzeit frei entscheiden (wünschen), - doch wann und wo dieser freie Willensausdruck umgesetzt wird, steht unter der Leitung des Höchsten, der als innerer Lenker (antaryami) in allen Lebewesen und allen Dingen weilt. Es erinnert an das geflügelte Wort: Der Mensch denkt, Gott lenkt.

So verfügt das Lebewesen über Willensfreiheit, die an Eigenverantwortlichkeit gebunden ist, und es mit den Folgen seiner vergangenen Handlungen konfrontiert. Es verhält sich ähnlich wie mit der Freiheit eines Bürgers in einem demokratischen Land. Freiheit bedeutet nicht, nach Lust und Laune einfach alles tun zu können, sondern es bedeutet die Freiheit, welche sich innerhalb der demokratischen Regeln und Gesetze bewegt.


Ist das Karmaverständnis vergleichbar mit dem christlichen Verständnis der Erbsünde oder der Strafe Gottes? Beide Ideologien, sprechen dem Menschen für bestimmte Handlungen Schuld zu und bestrafen sie dafür.

Karma ist keine Ideologie, die jemandem Schuld und Strafe für Handlungen zusprechen würde. Wie oben erklärt, umschreibt der Begriff Karma lediglich den Vorgang, dass das, was von einer Person ausgeht, wieder zu ihr zurückkommen wird. Die Person wird also nicht von einem Dritten (Gott, dem Karma) für ihr Tun bestraft oder belohnt, vielmehr wird sie von ihrem Tun bestraft oder belohnt.

Als Analogie kann folgendes Beispiel dienlich sein: Wenn jemand mit seiner Hand gegen eine Scheibe drückt, drückt die Scheibe entsprechend gegen seine Handfläche zurück. Es gibt keinen Dritten, der darüber entscheiden müsste, welcher Druck auf die Handfläche der Person zurückzufallen hat. Vielmehr fällt der ausgeübte Druck einfach auf den Verursacher zurück. Dies ist eine einfache physikalische Gesetzmässigkeit.

In ähnlicher Weise wird Karma als eine Art Naturgesetz verstanden, das - wie jedes andere Naturgesetz - wertfrei ist, obwohl es letztlich auf der Kraft Gottes beruht und seiner Kontrolle untersteht.


Ist das Schicksal unveränderlich, wenn ich nachträglich bemerken sollte, dass ich falsch gehandelt habe?

Die Karmalehre vergleicht eine Tat damit, einen Samen zu setzen. Der Same benötigt eine gewisse Zeit, um zur Pflanze heranzuwachsen und wird erst auf der letzten Stufe die Frucht (Reaktion) hervorbringen, die geerntet werden muss. Es wird erklärt, dass der Mensch grundsätzlich die Samen, die bereits zur Frucht herangereift sind, auch ernten muss. Es sind dies die Früchte, welche zu unserem gegenwärtigen Körper geführt haben.

Zum einen kann unser gegenwärtiges Tun kann jedoch auf die Samen und heranwachsenden Pflanzen Einfluss nehmen.

Zum anderen werden den Menschen rund um den Erdball in vielen Schriften Hilfsmittel empfohlen, die ihnen helfen sollen, ihr Dasein zu erleichtern. Diese Hilfsmittel sind von unterschiedlicher Art und Qualität. Manche können sehr kostspielig sein oder werden als ungeeignet für unsere Zeit bezeichnet. Ein Hilfsmittel, dass fast in allen Kulturen zu finden ist: Das Erinnern und Singen der Namen der Quelle allen Seins (die Namen Gottes, wie auch immer diese lauten mögen).


Beinhaltet die Karmalehre nur Selbsterlösung und keine Vergebung, da sie ja Gleiches mit Gleichem vergilt?

Die buddhistische Karmalehre kennt keine Vorstellung von Vergebung, sondern nur einen graduellen Kampf um Selbsterlösung. Sie beruht auf dem Verständnis der drei sittlich negativen (Gier, Hass, Verblendung) und sittlich positiven Haltungen (Selbstlosigkeit, Güte, Weisheit), die als die sechs Wurzeln dessen beschrieben werden, was als unheilsames bzw. heilsames Karma gilt.

Auch das in den Veden beschriebene Karma-Gesetz beinhaltet in sich selbst keine Vergebung, da es wie oben ausgeführt, lediglich eine kontrollierte Wirkungsweise der materiellen Natur darstellt, in welcher die universale Gerechtigkeit zum Ausdruck kommt.

Im Gegensatz zum Buddhismus ist die vedische Karma-Lehre jedoch eng mit der Lehre über den Atma und das Brahman verbunden. Es wird auf eine höhere göttliche Wirklichkeit hingewiesen, und führt es auf die bewusste und unbewusste Verbindung mit diesem göttlichen Ursprung zurück, dass die unterschiedlichen Lebewesen von ihrer Karma-Last erleichtert werden, bis hin zur vollständigen Auflösung des Karmas.

Karmische Reaktionen stehen immer auch im Dienste einer Lebensschule. Selbst auf der rein menschlichen Ebene gibt es das Prinzip "Gnade vor Recht", das dem Umstand Rechnung tragen soll, jemandem eine Chance zu geben, den richtigen Rank zu finden. Dem Prinzip der göttlichen Gnade (Barmherzigkeit) fällt von unserer Position her grössere Bedeutung zu, als dem Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit, was in dem Verständnis ausgedrückt wird: "Gott verzeiht, die Natur nicht!"


Leitet die Karma-Lehre zu fataler Schicksalsergebenheit an, indem z. B. Hunger und Durst als karmische Reaktion beschrieben werden?

Die Lehre des Karma beinhaltet das Wissen, dass auch das Leid, das durch die Unterlassung von möglicher Hilfestellung oder -leistung (passiv) verursacht, bzw. aufrechterhalten wird, letztlich auf den Passiven zurückfällt.

Jemanden, der das ihm sichtbare Leid nicht gemäss seinen Möglichkeiten zu beseitigen versucht, also Leid zulässt, das er lindern oder beseitigen könnte, wird zur Ursache von Leid. Hilfeunterlassung wird als ebenso schwerwiegend betrachtet, wie jemandem direkt Leid zuzufügen. Wer deshalb der Ansicht ist, das Leid eines anderen sei lediglich dessen Karma, das ihn nichts angehe, verkennt, dass er selbst auch Teil dieses Karmas ist, und er die Schuld seines kalten, mitleidslosen Verhaltens nicht auf das Gesetz des Karma abschieben kann.

Wie eingangs erklärt, liegt dem vedischen Karma- und Reinkarnationsverständnis unter anderem der Gedanke zugrunde, dass das Lebewesen sich über verschiedene körperliche Existenzen hinweg weiterentwickeln oder zurückfallen kann, je nachdem, was es an Wünschen, Idealen und Tugenden zu entwickeln sucht. In diesem Sinne wird Karma als Instrument einer grossen Lebensschule verstanden, welches uns herausfordert, uns mit der Welt, unserer Position in derselben und mit unserem Tun auseinanderzusetzen.

Im Shrimad-Bhagavatam heisst es (10.22.35):

"Es ist die Pflicht eines jeden Lebewesens, mit seinem Leben, seinem Reichtum, seiner Intelligenz und seinen Worten zum Wohl anderer tätig zu sein."

Dieser Forderung kann jemand nicht nachkommen, der seine Augen verschliesst und alles als unabänderliches Schicksal betrachtet. Dieser Forderung leitet vielmehr zum Gedanken an: "Mir ist jetzt das Glück zuteil geworden, die Gelegenheit zu erhalten, jemandem zu helfen, dem durch das Karma meine Hilfeleistung zusteht."


Ist die Karma- und Reinkarnationslehre leibesfeindlich, da sie den Körper bloss als ein (wechselndes) Fahrzeug für das Selbst betrachtet?

Zwar unterscheiden die Veden deutlich zwischen dem zeitweiligen Körper und dem ewigen Selbst, dem Bewohner (Atma) des Körpers, betonen jedoch gleichzeitig, wie wertvoll der menschliche Körper ist. Er wird mit einem Boot verglichen, das in der Lage ist, den "Ozean des materiellen Leidens" zu überqueren.

Die Unterscheidung zwischen Seele und Körper beinhaltet also nicht automatisch eine Leibverachtung, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: dem menschlichen Körper wird eine grosse Bedeutsamkeit beigemessen. Jede Verkörperung (auch wenn sie bloss zeitweilig ist) bietet dem Lebewesen die Möglichkeit für Erfahrungen und für weitere Schritte im persönlichen Lernprozess, welcher letztlich aus dem Kreislauf der Geburten und Tode hinausführen soll (sofern das gewünscht wird). Es wird deshalb der grundsätzliche Ratschlag gegeben, weder den (zeitweiligen) Körper noch das (ewige) Selbst zu vernachlässigen, sondern das Zeitweilige in den Dienst des Ewigen zu stellen, da auf diese Weise der volle Nutzen des Zeitweiligen ausgeschüttet werden kann, ohne dass darüber das Ewige vergessen wird.

 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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