Reinkaranation als Teil der Weltanschauung - Namaste

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Reinkaranation als Teil der Weltanschauung

NDE - Reinkarnation
In der vedischen Philosophie ist die Reinkarnationslehre mit der Atmalehre (Seelenlehre) und der Karmalehre (das Tun und seine Rückwirkung) kombiniert. Kennzeichnend für das darauf gründende Reinkarnationsverständnis ist das Prinzip der Verbundenheit. Es umgibt das Leben des Menschen wie ein Netzwerk und verknüpft sein Handeln in der Zeit. Jeder Jetzt-Augenblick ist mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft verbunden. Eine bestimmte Lebenssituation wird darin nie nur als eigenständiger Punkt gesehen. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die Linie, die aus vielen solcher Punkte besteht. Hier erwächst das Verständnis der Reinkarnation als Schule des Lebens. Das Ziel dieser Schule liegt in der Selbsterkenntnis. Gemeint ist damit nicht bloss eine Erkenntnis in der dualen Welt als Mensch, der seine bestimmten Eigenschaften, Schwächen, Stärken und Vorlieben erfahren und leben will. Gemeint ist die Erkenntnis der eigenen nicht-dualen Wirklichkeit, des spirituellen Selbst.

Aham brahmasmi: Ich bin Brahman, lautet einer der grossen Lehrsätze aus den Upanishaden. Er weist auf die eigenschaftsmässige Identität des Selbstes mit der spirituellen Wirklichkeit hin, die der Urgrund aller materiellen Form und Erscheinung ist. Durch dieses Verständnis finden zahlreiche weitere Ebenen der Verbundenheit ihren Ausdruck.

Einerseits ist es die Verbindung der höheren (bewussten) und niederen (unbewussten) Energie zu einer Persönlichkeit (Verkörperung). Erkennt der Mensch sich nur als Mensch, schliesst er sein spirituelles Selbst aus. Er verneint es und lebt in einer Täuschung (maya), wie es der Veda nennt. Sein Bewusstsein (die höhere Energie) ermöglicht es ihm, sich der irreführenden Täuschung hinzugeben, die niedere Energie, welche von vergänglicher, unbewusster, bedingter Natur ist, als die zugrundeliegende Wirklichkeit der Existenz zu betrachten. Gleichzeitig verneint er die unabhängige höhere (bewusste) Energie und betrachtet sie lediglich als zeitweiliges Produkt der Materie. Die vedische Reinkarnationslehre bejaht und verbindet jedoch sowohl die höhere als auch die niedere Energie, indem sie vom atma (dem spirituellen Selbst) spricht, das sich in der Materie verkörpert und für bestimmte Zeit eine Einheit bildet.

Auch in der Beziehung unter den Lebewesen schafft dieses Verständnis eine Verbundenheit. Physisch mögen die Lebewesen sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden, in verschiedenen Familien, Ländern, Rassen, ja sogar Lebensformen geboren sein. Doch dadurch dass die Seelenlehre (Lehre vom Atma) die Natur (das Selbst) jeden Lebewesens als von derselben qualitativen Spiritualität beschreibt, die aus demselben spirituellen Ursprung stammt, werden alle zu einer grossen Familie von Brüdern und Schwestern vereint.

In diesem letzten Verständnis schwingt auch die Verbundenheit zum Ursprung (Gott) mit. Die Verbundenheit mit diesem ist eine natürliche, da das Selbst eines jeden Lebewesens von derselben geistigen Natur ist. Unser Bewusstsein verschafft uns die Freiheit, diese Verbundenheit zu erkennen und zu leben, oder sie zu negieren und uns ausschliesslich auf den physischen, zeitweiligen Aspekt unserer Persönlichkeit zu konzentrieren. Doch diese Abtrennung vom spirituellen Urgrund bezeichnet die Vedalehre lediglich als im Vorstellungsvermögen der Lebewesen wirklich, während in der realen Wirklichkeit diese Verbundenheit zwischen Atma und Ursprung (Paramatma: die Quelle aller Atmas) immerwährend besteht.

In der Auseinandersetzung mit dem Konzept der Reinkarnation begegnet der Suchende auch Themen der Ethik und Weltanschauung. Aus dem Verständnis der Einheit aller Lebewesen und der irdischen Existenz als Lebensschule wiegt beispielsweise der Ratschlag: "Behandle alle so, wie du selbst behandelt werden möchtest" schwerer als für gewöhnlich, da jedes Tun unvermeidlich mit einer Rückwirkung auf sich Selbst verknüpft ist.

Ökologische Probleme sind auf der Grundlage dieses Denkens nicht einfach damit gelöst, dass sie auf spätere Generationen oder entfernte Gebiete abgewälzt werden. Die reichen Industrienationen müssten sich jetzt und hier für die Entsorgung von Gift- und Atommüll verantwortlich zeigen, und könnten diese Bürde weder der Dritten Welt noch späteren Generationen auferlegen. Während der Mensch heute Zerstörung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, da er im Moment seiner Entscheidung nur die daraus erwachsenden Annehmlichkeiten erfährt und nicht direkt von den negativen Folgeerscheinungen betroffen ist, weist die Reinkarnationslehre auf die Auswegslosigkeit solchen Tuns hin. Ein Mensch, der davon überzeugt ist, dass alles, was er anderen tut, er sich letztlich selbst zuführt, wird mit Sicherheit in vielen Punkten umdenken.

Es ist kein Zufall, dass in der vedischen Kultur mit dem Reinkarnationsverständnis auch der Vegetarismus verankert ist. Tiere sind darin nicht einfach seelenlose Kreaturen, deren Tod ohne Not in Kauf genommen werden könnte. Zwar wird dem Umstand, dass in dieser Welt sich ein Geschöpf vom anderen ernährt, Rechnung getragen. Der Mensch hat somit das Recht, ein Tier zu töten, wenn es die Erhaltung der eigenen Existenz nötig macht. Dies kann jedoch nicht soweit gehen, dass der Mensch anderen Lebewesen ihre geistige Natur absprechen könnte. Das universelle Prinzip der Brüderlichkeit, das dem vedischen Reinkarnationsverständnis zu Grunde liegt, wird grob verletzt, wenn Tiere in zahllosen Tierversuchen und Massenschlachtungen gequält, getötet und verzehrt werden.

Unter dem Aspekt des Lebens als geistige Existenz und dem Aspekt des irdischen Daseins als Lebensschule erfährt auch die Abtreibungsfrage eine neue Beantwortung. Zum einen entsteht Bewusstsein laut der Atmalehre nicht erst in einem bestimmten Moment der Zellverbindung. Daher kann bei einer Abtreibung im Frühstadium einer Schwangerschaft auch nicht davon gesprochen werden, es handle sich lediglich um Zellgewebe ohne Empfindung und Wahrnehmung, das aus dem Uterus entfernt werde. Menschen, die sich in einer Art Rückerinnerung an die Zeit der Zeugung zu erinnern glauben, sind nicht selten. Solche Zeugnisse sind sowohl in der älteren Literatur als auch in neuerer Zeit im Zusammenhang mit hypnotischen Rückführungen zu finden. Auf der Grundlage des vedischen Verständnisses ist dies nicht ungewöhnlich. Hier wird die Wahrnehmung dem Bewusstsein zugeschrieben. Das Bewusstsein existiert bereits vor der Geburt und geht erst bei der Zeugung eine physische Verbindung mit dem Samen ein, in deren Folge es ihm möglich wird, noch andere Formen der Wahrnehmungen (z. B. durch Nerven, Sensoren usw.) zu haben.

Nicht weniger schwer in dieser Frage wiegt der Aspekt der Lebensschule. Das Argument, sowohl dem werdenden Leben als auch der Familie sei unter bestimmten Umständen ein Leben nicht zumutbar, greift hier ins Leere. Der Wert eines Lebens wird nicht dadurch gemindert, dass eine Behinderung vorliegt oder das soziale Umfeld der Eltern sehr problematisch ist. Auch problematische Lebensumstände können den entsprechenden Menschen in ihrem inneren Wachsen und Reifen helfen. Wer sich die Mühe macht, mit heute erwachsenen Menschen, die mit einer Erbkrankheit geboren wurden, über den Sinn ihres Lebens zu diskutieren, wird die Erfahrung machen, dass die Betroffenen nicht weniger froh als gesunde Menschen sind, ihr Leben behalten zu haben und es heute führen und in ihrem Sinn erfüllen zu können. Lebensüberdruss oder keinen Sinn im Leben zu haben, können nicht einfach an schweren Erbkrankheiten oder sozialer Armut gemessen werden. Die jährlich über 1'500 Selbstmorde in einem Wohlstandsland wie der Schweiz lassen dies sehr deutlich zu Tage treten.

So steht der Wert eines Lebens viel eher damit in Zusammenhang, was jeder selbst daraus macht. Wir haben dementsprechend nicht das Recht für einen Dritten zu entscheiden, ob es für ihn wert ist, sein Leben zu leben oder nicht. Stellvertretend für viele Menschen, die trotz schwerster Behinderung ein sinnvolles Leben führen, soll hier ein Zitat des bekannten Physikers Stephen W. Hawking stehen:

"Als ich entdeckte, dass ich unter amyotropher Lateralsklerose leide, war es ein grosser Schock für mich ... Meine Träume waren damals ziemlich wirr. Bevor meine Krankheit erkannt worden war, hatte mich mein Leben gelangweilt. Nichts schien mir irgendeiner Mühe wert zu sein. Doch kurz nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, träumte ich, ich solle hingerichtet werden. Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde. In einem anderen Traum, der sich mehrfach wiederholte, opferte ich mein Leben, um andere zu retten. Wenn ich schon sterben musste, konnte ich wenigstens noch etwas Gutes tun. Aber ich bin nicht gestorben. Trotz des dunklen Schattens, der über meiner Zukunft lag, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass ich das Leben jetzt mehr genoss als früher." (Stephen W. Hawking, Ist alles vorherbestimmt?, S. 113 - 117, Rowohlt 1996)

Angesichts der geistigen Verwandtschaft aller Lebewesen haben auch Rassimus und Krieg einen schweren Stand. Der Mensch mag sich zwar aufgrund seiner Geburt und Herkunft mit bestimmten Menschen und Kulturen mehr verbunden fühlen als mit anderen. Doch da er dieselbe geistige Natur seines Wesens auch jedem anderen Lebewesen zugesteht, legt er den Grundstein zu einer Beziehung, in der die geistige Verwandtschaft schwerer wiegt, als irgendwelche Unterschiede auf einer äusserlichen Ebene, wie etwa der Rasse oder Hautfarbe, der Nationalität oder dem Geschlecht. Sobald das praktische Leben den Suchenden dahin führen, zwischen Lebewesen und Lebensumständen (Einflüssen) zu unterscheiden, wird er dies anhand von moralischen und ethischen Kriterien tun, indem er die Eigenschaften einer Situation oder eines Menschen in Betracht zieht, also etwa wie selbstlos, wohlgesinnt, hilfreich oder wie rücksichtslos, ausbeuterisch, zerstörerisch diese sind.

Im vedischen Reinkarnationsverständnis wird auch die Frage nach dem Sinn des Lebens neu gestellt. Das geflügelte Wort: "Jedes Leben hat den Sinn, den man ihm gibt", behält vorerst seine Geltung. Ob es nun der Geschäftsmann ist, dessen gesamtes Leben in den Bahnen von Geld, Macht und Ansehen verläuft, ob es der Geniesser ist, der alles erleben will, weil er angeblich nur einmal lebt, ob es der Forscher ist, der in dem weiterlebt, was er an nächste Generationen weitergibt oder ob es der philosophische Sucher ist, der dem Ursprung und dem Sinn seines Lebens nachspürt. Sie alle geben ihrem Leben (dem Punkt) einen bestimmten Sinn. Doch nun wechselt die Sicht und zieht auch die Linie in Betracht, zu der dieser eine Punkt, dieses eine menschliche Leben gehört. Diese Linie zeigt die Entwicklung des Lebewesens durch viele unterschiedliche Geburten und Erfahrungen auf. Unabhängig von der individuellen Sinngebung des Einzelnen kommt daher den Erfahrungen eine Sinnfindung zu, welche den begrenzten Rahmen eines Lebens sprengt und sich mit dem unbegrenzten spirituellen Aspekt verknüpft. Wie ein Strom unweigerlich dem Meer zufliesst, führen auch alle irdischen Erfahrungen in dieser Welt das Lebewesen letztlich an den Punkt, da es seiner spirituellen Natur gewahr wird - weil dies die natürliche Entwicklung ist, die dem Atma (dem spirituellen Selbst) innewohnt. Wieviele Probleme und Schwierigkeiten wir uns auf diesem Weg aufladen und wie viele Windungen wir unseren Weg machen lassen, liegt jedoch bei uns als Piloten und wie wir es verstehen, unser Schicksal (Karma) als Hilfestellung in unserer Entwicklung erkennen zu können.


 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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